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100+3 Jahre SPD Ortsverein „Willy Brandt“ Hochspeyer

Ein Beitrag von Erwin Mayer, vorgetragen anlässlich des Festaktes im Oktober 2008, hier in verkürzter Fassung.


Kindererholungsheim Hochspeyer 1931Der Sozialdemokratische  Ortsverein Hochspeyer besteht seit nunmehr 103 Jahren. Dieses  runde und stolze Jubiläum feiern wir Sozialdemo-kraten mit Hochachtung vor den Gründern und Altvorderen, die in den ersten 45 Jahren des vergangenen Jahrhunderts ihre politische Überzeugung unter schwierigsten Bedingungen-, auch in unserer Gemeinde in das gesellschaftliche Umfeld einbrachten.

Es hat einige Zeit gedauert, verbunden mit viel Geduld und Interesse an der Sache, bis ich das gefunden hatte, wonach ich schon lange, man kann sagen Jahre, gesucht habe: nämlich die Antwort auf die Kernfrage: „Seit wann besteht der Sozialdemokratische Ortsverein Hochspeyer?“

Material über die Gründung, Protokollbücher, Kassenbücher, Mitgliedslisten oder ähnliches war nicht vorhanden. Sie wurden bestimmt 1933 entweder vernichtet, oder verschwanden in Verstecken und warten vielleicht auch noch heute darauf, wieder entdeckt bzw. gefunden zu werden. Auch in der Geschäftsstelle des  Unterbezirks in Kaiserslautern oder beim Bezirksverband in Neustadt gab es keine Hinweise auf das, was ich suchte. Ältere Genossinnen und Genossen konnten mir da auch nicht weiter helfen. Doch dann erhielt ich in einem Gespräch mit dem Hochspeyerer Heimatforscher und Autor Franz Neumer über Chronik und Zeitgeschehen doch noch den entscheidenden Tipp, nämlich einmal im Stadtarchiv Kaiserslautern zu gehen und dort in der Zeitung „Pfälzische Post“, dem Organ für die Interessen des Volkes, wie es damals so schön hieß, nachzulesen, vielleicht könnte ich dort etwas finden...

Einfach war das nicht, denn die Zeitung  war nicht verfilmt und so musste ich alle Ausgaben, also Tag für Tag durch-blättern, angefangen mit dem Jahrgang 1900. Schon beim Lesen der Titel bzw. Überschriften, Berichte, Kommentare und Anzeigen der ersten Zeitung bemerkte ich, dass das Blatt sehr sozialdemokratisch ausgerichtet war. Abends sah ich dann nur noch Zeitungen vor meinen Augen und lange noch steckte  der typisch modrige Geruch von altem Papier in meiner Nase.


Aber ich hatte Erfolg:

In der Auflage vom 04.Oktober 1905 elektrisierte mich die überraschend auftauchende  Überschrift: „Die Gründung eines Sozialdemokratischen Vereins wurde am Sonntag in Hochspeyer vollzogen, nachdem seither schon eine Anzahl Parteigenossen der Organisation in Kaiserslautern angehörten.   „Lange hat es gedauert bis wir dort, obwohl lauter Arbeiterbevölkerung und wir auch bei den Wahlen ganz gute Resultate erzielten, mit der politischen Organisation Eingang fin-den konnten. Nun ist Bresche geschossen...? (Bresche = feindliche Mauer durchbrechen – ins feindliche Lager eindringen – Widerstand überwinden) ...und es steht zu hoffen, dass sich der neue Verein gut entwickelt. Hochspeyer ist für uns eines der aussichtsreichen Orte im 6. Wahlkreis. Möge sich die Arbeiterschaft, soweit noch nicht geschehen, dem Verein anschließen, damit sie kräftige Glieder in der Kette der Arbeiterbewegung gegen die Unterdrückung und Ausbeutung werden. Die Versammlungen finden jeden letzten Sonntag im Monat, vormittags 10,30 Uhr im Lokal Peter Köhler statt.“ Soweit die Mitteilung der „Pfälzischen Post“ über die Gründung des sozialdemokratischen Ortsvereins Hochspeyer.

Und dieser Sonntag war der 01.Okt.1905.
 
Lange hatte ich nach einem 1. Vorsitzenden gesucht, hatte aber keinen Erfolg, bis mir Franz Neumer, der nach langen Recherchen ihn und auch noch weitere Vorsitzende bis zum Jahr des Verbotes, also 1933  ausfindig machen konnte. Danach war in der Gründungsversammlung Philipp Jakob Sauter am 21.10.1875 in Hochspeyer geb. zum 1. Vorsitzenden gewählt worden.

Meine Damen und Herren, Genossinnen und Genossen: Warum aber wurde erst 1905 der sozialdemokratische Verein gegründet?, obwohl, wie schon gesagt , eine Anzahl Hochspeyerer der Organisation in Kaiserslautern bereits vorher schon angehörten.Man muss zum besseren Verständnis ein wenig auf die damalige Organisation der SPD schauen:

Nach Aufhebung des Verbindungsverbots im Jahr 1900 hatte die SPD als Partei ihr Organisationsgefüge mit dem Jenaer Statut von 1905 mit dem bis dahin vorherrschendem Vertrauensleutesystem auf Vereine mit festen Mitgliedsbeiträgen umgestellt. Sie bauten sich von Orts über Wahlkreisvereine über Bezirks, Provinzial und Landesverbände, bis hin zur Reichsorganisation mit dem Parteivorstand auf. In dem Anstieg der Mitgliederzahlen von 384 327 im Zeitabschnitt 1905/1906 auf 1 085 905 im Jahre 1913/14 dokumentierte sich der Aufschwung der Organisation. Auch wurde die Organisationsstruktur der Partei elastisch den gesetzlichen Beschränkungen angepasst und damit auch den Frauen in den meisten Ländern eine Mitwirkung ermöglicht. Erst 1908 erlaubte der Gesetzgeber eine offene Mitgliedschaft im ganzen Reich.

Beide Versammlungen waren gut besucht, besonders die in Hochspeyer. Dort war der Versammlungsraum überfüllt. Es waren auch zahlreiche Frauen anwesend. In der Diskussion wurde auf die gewerkschaftlichen Organisationen hingewiesen. Gegner beteiligten sich nicht daran, obwohl etliche anwesend waren.“ Auch im Jahr 1906 blieb Philipp Jakob Sauter 1. Vorsitzender.

 

In der Ausgabe vom 30. Oktober war folgendes zu lesen:

erster spd buergermeister hochspeyer heinrich fischer“Die am Sonntag stattgefundene Generalversammlung des Sozialdemokratischen Vereins Hochspeyer hätte sich eines besseren Besuchs erfreuen dürfen. Immerhin war der Verlauf ein guter zu nennen und hat gezeigt, dass die Genossen auch in dem Reich Ottmanns und Konsorten bestrebt sind, unsere Ideen immer mehr Eingang zu schaffen. Die Wahl der Vorstandschaft ergab nur geringe Verschiebungen. 1. Vorsitzender blieb Philipp Jakob Sauter. Das Gleiche war zu der Generalversammlung vom Sonntag, dem 01. November 1908 zu lesen: „Vorstand wieder gewählt“, d.h., dass Philipp Jakob Sauter wieder 1 Vorsitzender wurde.

Meine Damen und Herren, Genossinnen und Genossen!Lassen Sie mich an dieser Stelle Sie noch einmal zurückversetzen in die Zeit vor der Mitte des 19. Jahrhunderts, die eine wesentliche Veränderung der dörflichen Sozialstruktur in Hochspeyer hervorrief. Hierzu möchte ich auf einen Beitrag im  Heimatbuch des Landkreises Kaiserslautern von 1998 von Franz Neumer verweisen:

„Ein heißer Sommer 1907, Streik in Hochspeyer“. Mit dem Bau und der Inbetriebnahme der Pfälzischen Ludwigsbahn der Eisenbahnstrecke NeustadtKaiserslauternHomburg 1849, gab es einen spürbaren Aufschwung im Verkehrswesen und damit im örtlichen Handel und es kam Geld ins Dorf. Steinbrüche wurden eröffnet, um Steine zu gewinnen für die zahlreichen Brücken, Stützmauern, die gebraucht wurden, um beispielsweise den 1300 m langen HeiligenbergTunnel und die Bahnhöfe zu bauen. Fortan gingen viele Männer in die Steinbrüche, um dort ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Bald hatte eine größere Anzahl von Hochspeyerern als Eisenbahner ihre Beschäftigung gefunden: Was die Fuhrleute bisher mit ihren pferdebespannten Wagen transportierten, wurde nun von der Bahn übernommen. Aber in weit größeren Mengen.

Kommen wir zurück zum Sozialdemokratischen OrtsVerein Hochspeyer und hier beziehe ich mich auf einen Bericht im Jahrbuch zur Geschichte von Stadt und Landkreis Kaiserslautern (Jahrgang 1996): dort findet sich ein Artikel zum Thema :“ Politische Parteien während der Weimarer Republik UND zu Beginn der NSZeit in Hochspeyer“, verfasst von Franz Neumer. Neumer führt an, dass sich die Entwicklung der politischen Verhältnisse im Reich sich in etwa im Kleinen in Hochspeyer wieder spiegelte.

Sechs Parteien beherrschten die ersten Jahre der Weimarer Zeit:
  • Die Sozialdemokraten, zuerst als Mehrheitssozialisten und USPD,
  • die Deutsche Volkspartei (DVP),
  • die Deutsche Demokratische Partei (DDP),
  • das Zentrum, die Bayerische Volkspartei (BVP) und
  • ab 1924 die Kommunisten.

Das Wahlergebnis vom 19.01.1919 brachte den Hochspeyerer Sozialdemokraten stolze 49,9 %.
 Sitzverteilung Ortsgemeinderat Hochspeyer 1920




















Um es vorweg zu nehmen, ein Ergebnis, das nie wieder erreicht  werden sollte. Weder bei Reichstagswahlen noch bei Langtags oder Kommunalwahlen. Das Ergebnis der Gemeinderatswahlen vom 16.04.1920 zeigt die Stärke der einzelnen Gruppierungen. Die Sozialisten erhielten 481 Stimmen und damit 9 von insgesamt 20 Sitzen im Gemeinderat. DVP, DDP und Zentrum, die sich zur Listenverbindung „Vereinigte Parteien“ zusammengeschlossen hatten, erhielten 522 Stimmen – ebenfalls 9 Sitze. Für die Parteilosen, die unter dem Namen „Volkswille“ angetreten waren, entschieden sich 131 Wähler, das waren 2 Sitze. Bei der Bürgermeisterwahl 1920 errang Daniel Häberle von der DDP 714 Stimmen Für Peter Bundenthal, dem Kandidaten der sozialistischen Parteien stimmten 606 und  auf den Kandidaten der Parteilosen fielen 143 Stimmen. Da keiner die absolute Mehrheit erreicht hatte, wählte der Gesamtgemeinderat von Hochspeyer, Fischbach und Waldleinigen Daniel Häberle zum 1. Bürgermeister, Peter Bundenthal SPD wurde 2. Bürgermeister und Karl Bleh vom Zentrum wurde 3. Bürgermeister.

Am 10.10.1923 wurde Heinrich Fischer von der SPD zum 2. Bürgermeister gewählt. Als 2. Bürgermeister  machte er die Belagerung des Bürgermeisteramts durch die  Separatisten, die unterstützt durch Marokkanische Besatzungsgruppen die Schlüsselübergabe erzwungen hatten, mit. Ein halbes Jahr später, am 06.04.1924, wurde er zum 1. Bürgermeister und war damit der erste sozialdemokratische Bürgermeister von  Hochspeyer, Fischbach und Waldleinigen.Heinrich Fischer, wurde in Hochspeyer am  06.09.1894 geboren, er war von Beruf Lehrer. 1923 trat er in die SPD ein.Unter Heinrich Fischer wurde viel getan, um die Wohnungsnot zu lindern. Aber erst am  26.06.1931 konnten die Wohnungsmangelbestimmungen außer Kraft gesetzt werden. Auch viele Arbeitslose brauchten Unterstützung durch die Gemeinde.

Badeweiher hochspeyer 1926



























Durch den Bau des Schwimmbades 1926 fand eine größere Anzahl von Erwerbslosen für Monate eine geregelte Arbeitszeit.  Von 192933 war er auch Mitglied des Pfälzischen Kreistages, heute Bezirkstag, und lernte  dort u.a.  den Pirmasenser Landtagsabgeordneten und Bürgermeister Adolf Ludwig kennen. Es wäre noch einiges mehr über die Tätigkeit von Heinrich Fischer und des Rates aus dieser Zeit zu berichten, würde aber den Rahmen sprengen. Am 17.03.1933 wurde Heinrich Fischer von den Nationalsozialisten seines Amtes enthoben. Am 05.04.1933 stand in der „Pfälzischen Presse“, dass die 10 SPDRatsmitglieder aus dem Gemeinderat ausgeschieden sind.

In der Chronologie folgte auf den ersten Vorsitzenden
  • Philipp Jakob Sauter 1905-1909
  • Karl Britzius         1909-1921
  • Georg Braun     1921-1922,
  • Karl Britzius         1922-1928
  • Jakob Degiuli     1928-1929,
  • Jakob Scherer     1929-1931,
  • nochmals Georg Braun bis 1932.
  • Fritz Ecker 1933 bis zum Verbot der SPD.

Dann folgte die  nationalsozialistische Diktatur, die mit dem schrecklichen 2. Weltkrieg und dem totalen Untergang des Deutschen Reiches endete. Am 01.01.1946 erlaubte die Französische Militärregierung die Zulassung von politischen Parteien am 16.Februar 1946 wurde die SPD in Hochspeyer wieder gegründet. 1. Vorsitzender wurde Friedrich Vögeli. Eine Kundgebung der SPD fand am 06.04.1946 in Hochspeyer, 20.00 Uhr statt. Gastredner war damals Adolf Ludwig, der frühere Landtagsabgeordnete und Bürgermeister von Pirmasens, der nach 12 Jahren Emigration zurückgekehrt war. Im ersten Weltkrieg war Adolf Ludwig Feldwebel, wie das Bild zeigt. Erster  Sozialdemokratischer NachkriegsBürgermeister in Hochspeyer war der durch die Französische Militärregeierung eingesetzte Georg Braun vom 25.06.1945 – 14.111948. Heinrich Fischer wurde am 14.11.1948 erneut zum Bürgermeister von Hochspeyer, Fischbach und Waldleinigen gewählt. Dieses Amt hatte er bis zum 30.09.1966 inne. Ihm folgte Waldemar Degiuli vom 1966 bis ins Jahr 1989. Danach bekleidete dieses Amt als der –vorerst letzte SPDBürgermeister Peter Niederberger, von 1989 1999.

Abschließend bleibt mir der Vollständigkeit halber zu nennen die 1. Vorsitzenden der Nachkriegszeit bis heute:
  • Friedrich Vögeli von 1946-1952,
  • Jakob Scherer von 1953-1961,
  • Willi Niederberger von 1961-1989,
  • HansNorbert Anspach von 1989-1995,
  • Wolfgang Peltz von 1995-2001,
  • Bernd Bauer 2001-2006
  • Horst Gooß 2006-2008
  • und seit 2008 lenkt Otmar Klein die Geschicke des Vereins.

Bei all dieser bewegten und beeindruckenden Geschichte der SPD und auch dieses traditionsreichen Ortsvereins sollte es Ansporn (der Partei) sein, das Amt des Bürgermeisters auch  in (möglichst nahe)r Zukunft wieder verantwortungsvoll auszuüben! Bleiben wir guten Mutes, wir sind der Tradition, der Geschichte  und unseren Altvorderen verpflichtet!

Ich bedanke mich bei Herrn Franz Neumer für seine unermüdliche Unterstützung bei meiner Suche der Vergangenheit des Ortsvereins Hochspeyer. Der Urenkelin des ersten Vorsitzenden Philipp Jakob Sauter, Frau Karin Hirschmann und dem Enkel, Herrn Otto Sauter , danke ich ausdrücklich, weil sie mir verschiedene Erinnerungsstücke an die SPD aus der Zeit von damals zur Verfügung stellten… Ganz besonders möchte ich mich bei Thomas Klein für die Zusammenstellung dieser Präsentation bedanken, die meinen Vortrag optisch aufwertet und hoffentlich auch für Sie interessant machte.